1967-72

Martina Kandeler Fritsch:
Vorwort zu einem Architekturexperiment
zwischen Gesellschaftskritik und Exzess

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Das allgemeine Interesse an den Architekturutopien der sechziger und frühen siebziger Jahre, die einen wesentlichen Beitrag zur Architekturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts darstellen, hat im Lauf der letzten Jahre in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen Ausdruck gefunden: Abgesehen von großen Retrospektiven einzelner Gruppen (u. a. Haus-Rucker-Co, Coop Himmelb(l)au, Archigram) widmete sich auch die Architekturbiennale Venedig (1996) diesem Thema und zeigte neben der von Günther Feuerstein zusammengestellten Präsentation »Visionary Architecture in Austria in the Sixties and Seventies«, im Hauptpavillon die Ausstellung »Radicals – Design and Architecture 1960/75« und auch das Centre Pompidou präsentierte heuer im Rahmen der Ausstellung »Les Années Pop« die Architektur dieser Jahre.
Zu den Vertretern der so genannten Visionären Architektur in Österreich gehört auch die Gruppe Zünd-Up, deren vielfältiges Spektrum von Ideen und Projekten durch die vorliegende Dokumentation dargestellt wird.
1969 war das Gründungsjahr der Zünd-Up; in Paris wurden damals die Verhandlungen zur Beendigung des Vietnamkrieges begonnen, bei Woodstock fand unter dem Motto »Love and Peace« das legendäre Pop-Festival mit Stars wie Janis Joplin, Joan Baez, Joe Cocker und Jimi
Hendrix statt, Dennis Hopper drehte den Film Easy Rider, der gefährliche Rauschgiftmissbrauch unter Jugendlichen in vielen Ländern sowie die Luftverschmutzung und die Verunreinigung der Gewässer in den Industrieländern wurden zunehmend zum Problem. In Wien waren die Architektengruppen Haus-Rucker-Co und Coop Himmelb(l)au bereits gegründet und die Aktionisten hatten nicht nur beim ZOCK-Fest und mit ihrer Aktion im Hörsaal 1 der Universität Wien Aufsehen erregt.
Vor diesem Hintergrund formierten sich Timo Huber, Michael (W. M.) Pühringer, Bertram Mayer und Hermann Simböck mit dem Studienprojekt »The Great Vienna Auto-Expander« zur Gruppe Zünd-Up, die für
kurze Zeit durch Marcella Ertl ergänzt wurde. Das Entstehen des markanten Namens der Gruppe lässt sich nicht mehr genau eruieren, jedenfalls manifestiert er das Bestreben des Entzündens von Ideen und weist phonetische Parallelen zur Motorradmarke Zündapp auf, die nicht von ungefähr kommen; der häufig benutzte Zusatz »acme hot tar and level«, ein Slogan aus dem MAD-Magazin, wurde aufgrund seiner enthaltenen Irrationalität, die sich als ein Aspekt in den Projekten der Gruppe wiederfindet, ausgewählt.
Wie die meisten Mitglieder der österreichischen Architektengruppen dieser Jahre, zählten auch die Gründungsmitglieder von Zünd-Up zu jener Generation von Architekturstudenten der Technischen Hochschule (später Technischen Universität) in Wien, auf die ihr Studium bei Karl Schwanzer bedeutenden Einfluss ausgeübt hat. Professor Schwanzer übernahm 1959 das Ordinariat für Gebäudelehre und Entwerfen I und brachte gemeinsam mit seinem engagierten Assistenten Günther Feuerstein neue Impulse in die Schule. Diese aus dem Aufbrechen der konservativen Tendenzen entstandene neuartige und offenere Atmosphäre sowie die nicht zuletzt von der Rock-und Pop-Kultur inspirierte Tendenz zur Teamarbeit führten zu zahlreichen Gründungen von Experimentalgruppen einer Architektengeneration, die ihren Blick auf Neuerungen in Wissenschaft und Technologie sowie auf gesellschaftliche Veränderungen richtete; in ihren utopischen, experimentellen und visionären Entwürfen propagierten sie eine völlig veränderte Architektur, die sowohl allen Ansprüchen eines Zeitalters der Weltraumfahrt, als auch alternativen Formen der Existenz gerecht werden sollte.
Mit genau diesem Ziel und der damit verbundenen Vorstellung, traditionelle, konventionelle architektonische und künstlerische Konzepte durch radikale Neuerungen und ungekannte Gestaltungsideen ersetzen zu können, hat die Künstler-Architektengruppe Zünd-Up Ende der sechziger Jahre durch den visionären Ansatz ihrer Projekte und ihre von Widerstand gegen Universitäts- und Gesellschaftsstrukturen geprägten Aktionen großes Aufsehen erregt; beeinflusst vom Aktionismus und Otto Mühl, an dessen Aktionen und Filmen sie teilweise aktiv beteiligt waren, den Studenten-, Kommunen- und Hippiebewegungen, der Auseinandersetzung mit Mc Luhan, Adorno, Filmen von Buñuel und Mikas, Musik von Jimi Hendrix, den Rolling Stones und Frank Zappa sowie Bewusstseinserweiterung, die sie bis zum Exzess durch Alkohol und Drogen ausloteten, versuchten sie mit ihren Arbeiten gängige Denkmodelle zu durchbrechen und ihr Lebensgefühl lustbetont in Projekte umzusetzen.
Zünd-Up identifizierte sich mit dem »Underground«, theoretisierte über Marx und Marcuse und unterschied sich auch insofern stark von den anderen österreichischen Gruppen dieser Jahre, als es ihnen vielmehr noch als um ihren eigentlichen Ausgangspunkt, die Architektur, um politische und soziale Anliegen, um gesellschaftskritische Ansätze ging, die sie in Provokation und Protest äußerten und in ihre Projekte miteinbezogen.
Beflügelt von der Begeisterung an der Entwicklung von Ideen und der Überzeugung von der Notwendigkeit ihrer Arbeit war von Anfang an das Verfassen programmatischer Texte wesentlicher Bestandteil aller Zünd-Up-Projekte. Teils als Flugblätter verteilt, dokumentierten sie ihre Form von Fragestellungen, Widerstand und Aufbruchstimmung und förderten ihren Bekanntheitsgrad sowohl bei Gleichgesinnten als auch bei der Presse.
Als Erweiterung der Zünd-Up, die jedoch parallel dazu bestehen blieb, formierte sich 1970 schrittweise und projektbezogen die Gruppe Salz der Erde, die neben Timo Huber, Bertram Mayer und Hermann Simböck auch Wolfgang Brunbauer, Johann Jascha und Günter Matschiner zu ihren Mitaktionisten zählte und bis 1972 bestand. Michael Pühringer konnte an den Salz-der-Erde-Aktivitäten nicht mitwirken, da er mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte und eine Zeit lang aussteigen musste.
Das definitive Ende von Zünd-Up lässt sich nicht mehr konkret festmachen, ist jedoch nach 1972 anzusetzen; ab diesem Zeitpunkt gingen alle Mitglieder ihre eigenen Wege. Die enge Freundschaft blieb trotz unterschiedlichster Entwicklungen der Einzelnen bestehen. Zu einer wirklichen und intensiven Zusammenarbeit kam es erst wieder durch die gemeinsame Idee, eine Zünd-Up-Dokumentation zu erarbeiten, der Einzelausstellungen und Beteiligungen an Gruppenausstellungen folgten.
Das Buch »Zünd-Up – Dokumentation eines Architekturexperiments an der Wende der sechziger Jahre« entstand daher in enger Kooperation mit den ehemaligen Zünd-Up-Mitgliedern – Timo Huber, Bertram J. Mayer, Michael Pühringer und zu Beginn auch Hermann Simböck, der 1997 verstorben ist. Anhand zahlreicher Fotos, Montagen und Pläne sowie programmatischer Texte und Projektbeschreibungen gibt es einen umfassenden Einblick in Projekte und Aktionen wie in das Umfeld der Künstler- Architektengruppe; Berichte von Zeitzeugen und Mitstreitern ergänzen die Materialsammlung und vermitteln zusätzlich die Aufbruchstimmung dieser Jahre.
Ich möchte allen danken, die an diesem Buch mitgewirkt und durch Textbeiträge, Fotos, Informationen, Subventionen und Einsatz das Zustandekommen der Dokumentation ermöglicht haben. Besonderer Dank gilt den Gestaltern von D+ (Martina Fineder, Andreas Pawlik und Stephan Pfeffer), die sich aufgrund ihres Interesses für die Zünd-Up-Ideen intensiv für die Gestaltung des Buches engagiert haben.