1967-72

Dieter Schrage:
Brennen und Rennen
Anmerkungen zu ZÜND-UP und Salz der Erde

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Die Fadesse des größten Teils der damals real gebauten Architektur in Österreich hatte ich, seit 1960 in Wien wohnend, bald mitbekommen. Und dieser Umstand schärfte in einem gewissen Maße mein Interesse an Gegenpositionen, an experimenteller Architektur. So hatte ich 1962 oder 1963 eine Diskussion mit Hans Hollein und Walter Pichler in der Galerie St. Stephan, wo die beiden ihre Architektur-Utopien zeigten, besucht. Damals hatte ich mich zunächst von Holleins und Pichlers These »Architektur ist eine Angelegenheit von Eliten« bzw. »Architektur ist Verkörperung der Macht und Sehnsüchte weniger Menschen« durchaus provozieren lassen. Doch bald sah ich den Sinn dieser gegen die Banalität der
Bautätigkeit zahlreicher Großbüros wie z.B. von Lintel, Lippert oder Perotti gerichteten Polemik ein und betrachtete diese als – wie es Günther
Feuerstein nannte – notwendiges »provokantes rhetorisches Material«.1 Dennoch blieb aber auch einiges von meiner Skepsis gegenüber der Ästhetik dieser Wiener Art von »visionärer Architektur« bestehen. So war es auch gegenüber den Projekten der Haus-Rucker, obwohl mir ihre Erstpräsentation des »Ballons für Zwei« 1967 in der Apollogasse – ich wohnte damals in der Nebenstraße und war zufällig vorbeigekommen – sehr imponiert und besonders das »Gelbe Herz« (1968) ebenso wie die »Wolke« (1968–1972) von der Coop Himmelblau gut gefallen hatte.

»Schwarz ist unsere Lieblingsfarbe«
Wirklich identifiziert habe ich mich dann aber mit den »Zünd-Up«.
Ich hatte die Doppel-Codierung ihres zündenden Gruppennamens – eine damals noch sehr populäre Motorradmarke und das, was Wolfgang
Brunbauer später metaphorisch mit »Zünd-Up, das heißt brennen und rennen« bezeichnet hatte – sofort verstanden. Mit Recht ordnet Günther Feuerstein – selbst zwar ob der Ideologie leicht skeptisch – sie als den »linken Flügel der progressiven (Anm.: Architektur-)Bewegungen«2 ein. Meine Halbstarken-Zeit war zwar schon zehn bis 15 Jahre vorbei, doch das Aufbegehren von Timo Huber, Michael Pühringer, Hermann Simböck und Bertram Mayer war noch immer meine Sache. Bei der Zünd-Up-Präsentation ihres »Great Vienna Auto-Expander« (1969) in der Tiefgarage Am Hof war ich dabei, und ich erinnere mich noch an die Ehrenrunde des nervös-vorsichtigen TH-Professors Karl Schwanzer auf einer Maschine des zu diesem Event eingeladenen Norton-Clubs. Meine Nähe zu dieser aufmüpfigen Studentengruppe, die eines der in Wien nicht allzu zahlreichen Signale zur 68er-Rebellion gesetzt hatte, leitete sich vor allem aus ihrem »Glaubensbekenntnis« ab, das Günther Feuerstein, der eigentliche Mentor all dieser experimentellen Gruppierungen, in seinem so wichtigen Buch »Visionäre Architektur« festgehalten hat: »Wir glauben an die Zerstörung der bestehenden Beziehung zwischen Architektur und gesellschaftlichen Verhaltensmustern. Zerstörung ist positive Handlung. Architekten bleiben immer für ihre Handlungen verantwortlich. Architektur ist aggressiv, sie brennt, sie stinkt, sie verändert sich, sie ist schmutzig und schön. Schwarz ist unsere Lieblingsfarbe.«3

1 Günther Feuerstein, Visionäre Architektur. Wien 1958 – 1988, S. 56
2 Günther Feuerstein, ebenda, S. 107
3 Günther Feuerstein, ebenda, S. 108
Und es waren vor allem ihre anarchistischen Tendenzen, die mich anzogen – ich hatte mich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nach der Lektüre eines eher zufällig in meine Hand gekommenen Raubdruckes mit Texten von Bakunin dem »libertären Sozialismus« zugewandt. Verstärkt wurde der Zünd-Up-Anarchismus durch ihre praktische Nähe zum Wiener Aktionismus, besonders zu Otto Mühl, und dann vor allem durch ihr Zusammengehen mit Salz der Erde (gemeinsam mit Wolfgang »Brumi« Brunbauer, Günter Matschiner und dem Künstler Johann »Hansi« Jascha, der damals noch stark aktionistisch unterwegs war).
»Was war unser Programm? Wir verfassten ein Manifest und nannten uns Salz der Erde. Dabei waren Brumi, Jascha, Matschiner & die Zünd-Ups. Die Thesen waren für den Anschlag an ein großes Rathaus-Tor gedacht. Und die Rolling Stones sangen für uns ‚Salt of the Earth‘.«4
Von ihrer Anti-Kulturestablishment-Aktion »Hitl, Kistl, Krippl, Taferln«, Ende August 1970 in Salzburg, hatte ich voller Sympathie im Express gelesen; der damals junge Erwin Melchart berichtete.
Und dann kam es im selben Jahr noch zu der polemisch-chaotischen Underground-Aktion »Metro« bei der USTRABA-Station Lerchenfelder Straße. Der daraus entstandene Film wurde eine berechtigte Polemik gegen die damalige Sterilität der Gemeinde-Wien-Wettbewerbe.

Rebellionsarchäologie ist notwendig
Zu Beginn der siebziger Jahre lösten sich Zünd-Up und Salz der Erde auf. »Irgendwann war das Dauerrennen zu Ende.« (Wolfgang Brunbauer) Da oder dort, auf einem Fest, bei einer Ausstellung oder auf der Straße, traf ich manchmal Günter Matschiner oder den »Brumi«. Von Timo Hubers bestechenden Collagen organisierte ich 1972 im »Freien Kino« eine Präsentation, und Michael Pühringers gezeichnete Motorerotismen sah ich hie und da auf Ausstellungen, u. a. beim einst so verdienstvollen Künstlerfreund »Bücher Herzog«. Später imponierten mir Michls kühn gestrichelte utopische Holzkonstruktionen. Vom leider viel zu früh verstorbenen Hermann Simböck habe ich selbstverständlich seine aus Abfallholz im »heißen Sommer 76« im besetzten Schlachthof von St. Marx gefertigte »Arenapyramide« in bester Erinnerung. Doch die Spuren von Zünd-Up verblassten immer mehr.
Ende der achtziger Jahre wollte ich im Palais Liechtenstein in den Graphischen Räumen eine schon längst notwendige Zünd-Up-Ausstellung organisieren, doch ich wurde über lange Zeiten krank, und als ich 1992 zurückkehrte, gab es die Graphischen Räume nicht mehr und somit keine Möglichkeiten zu kleineren Studio-Ausstellungen. Jetzt ist wieder ein Zünd-Up-Buchprojekt aktuell. Ich hoffe, dass es wirklich zustande kommt. In Zeiten, in denen sich nach dreißig Jahren die Informationen über die Breite und Intensität des in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre aktionistischen Geschehens in Wien sehr verdünnt haben bzw. sich das Wissen auf die Chronologie weniger »Highlights« reduziert hat, erscheint mir eine Aufarbeitung dieser äußerst positiven österreichischen Vergangenheit notwendig zu sein. Und ein ganz wesentlicher Beitrag zu dieser Rebellionsarchäologie ist ein Ausgraben von Zünd-Up und Salz der Erde.

4 Wolfgang Brunbauer, ZÜND-UP heißt ZÜND-UP, Manuskript Gaaden, 24.04.1998/2

Dieter Schrage *1935 in Hagen, Westfalen, BRD. Kulturwissenschafter, seit 1960 in Wien